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Ein STARKES Stück
„Empfehlung“ des Bundesinnen-ministeriums bzgl. der melderechtlichen Anerkennung des ehemaligen Ostdeutschland in den Grenzen vom 31.12.1937 mit dem Stichtag 2. August 1945 als „Ausland“ hervorgerufen hat, ist kaum abgeflaut. Man wähnte sich in einem wohligen Sommerloch, da schießt das nordrheinwestfälische Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration unter Armin Laschet einen noch dickeren Bock als das von Dr. Wolfgang Schäuble verantwortete Ressort. Die anläßlich der Schließung der ehemaligen Landesstelle für Aussiedler, Zuwanderer und ausländische Flüchtlinge in NRW in Unna-Massen am 30.06.2009 herausgegebene Festschrift „Landesstelle Unna-Massen – Ein starkes Stück Landesgeschichte“ [1] trägt ihren Namen wahrlich zu recht. Unter der Überschrift „Aussiedler aus Polen 1955-1959“ findet der interessierte Leser auf Seite 13 solch wunderbare Feststellungen wie, daß „während des Krieges etwa 10 Millionen Deutsche in Polen (Ostpreußen, Pommern, Nieder- und Oberschlesien, Ostbrandenburg, Danzig und anderen Gebieten)“ lebten. Wenn es geheißen hätte „bis zum Ende des Krieges im HEUTIGEN Polen“, dann wäre dem ganzen durch ein einziges Wort zwar nicht die Absurdität, aber doch die komplette Unrichtigkeit genommen worden. So jedoch nicht! 850 Jahre deutsche Geschichte östlich von Oder und Neiße zählen. Das ist eine Tatsache. Man kann es sehen wie man will, aber nicht nur während des Krieges (1939-1945) - zu dieser Zeit (noch) nicht in Polen - lebten in Ostdeutschland Deutsche und schufen dort unermesslich Wertvolles im Austausch und auch in der Auseinandersetzung mit unseren Nachbarvölkern. Es geht dem Autor vorliegend nicht um völkerrechtliche Erörterungen, dennoch seien die Verantwortlichen der genannten Broschüre auf die jüngste Empfehlung des Bundesinnenministeriums hingewiesen. Selbst deren minimalsten historisch-territorialen Angaben folgt die Broschüre inhaltlich nicht. Auch sei darauf verwiesen, daß der deutsch-polnische Grenzvertrag, welcher die Oder-Neiße-Linie als Grenze zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland zunächst einmal bestätigte, erst am 16. Januar 1992 mit dem Austausch der Ratifikationsurkunden in Kraft trat. Daher können Ostpreußen und Co. vor 1945 schlechterdings als Polen bezeichnet werden. Zahlen scheinen in Düsseldorf gleichfalls arge Probleme zu bereiten. Denn es heißt auf Seite 13: „Nach Kriegsende müssen zwischen 1945 und 1950 ca. 3,6 Millionen Deutsche aus Polen sowie aus Ostdeutschland fliehen oder werden vertrieben. Tausende finden den Tod.“ Abgesehen davon, daß mit „Ostdeutschland“ wohl die DDR gemeint sein dürfte - denn anders hätte die obige Erklärung dessen, was den Autoren zufolge unter Polen (Ostpreußen, Pommern usw.) verstanden wird, keinen Sinn – reicht ein Blick in regierungsamtliche Quellen aus, um feststellen zu können, wie dem Integrationsministerium NRW einige Nullen verloren gegangen sind. Laut dem vom Bundesministerium für Vertriebene in den Jahren 1953 bis 1961 herausgegebenen fünfbändigen Werk „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ und Untersuchungen des Statistischen Bundesamtes zufolge, lag die Anzahl der aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches 1945 bis 1950 Vertriebenen bei knapp sieben Millionen zuzüglich der Todesopfer (Vertreibungsverluste), zu denen mindestens 882.000 Zivilisten zu zählen sind. Nicht mitgerechnet wurden die 1949 noch in Ostdeutschland verbliebenen 1,2 Millionen Deutschen, sowie die etwa 400.000 Deutschen, welche in polnischen Konzentrationslagern bzw. im sowjetischen Gulag-System Zwangsarbeit leisten mußten und von denen zahlreiche einen grausamen Tod zu erleiden hatten. Nicht genug der Unterschlagung hunderttausender toter Landsleute, auch die Flüchtlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und der späteren DDR werden mit einigen Verharmlosungen bedacht. Auf Seite 9 erfährt man erhellendes über die Motivlage der Flüchtlinge aus der SBZ ab dem Jahr 1947, von denen etliche zunächst aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße nach Mitteldeutschland kamen: „Die ersten, direkt aus der alten Heimat eintreffenden Vertriebenen, haben die Einheimischen größtenteils bereitwillig als unmittelbar Not leidende aufgenommen. Die neuen Flüchtlinge haben die sowjetische Zone aus mehr oder weniger freien Stücken verlassen.“ Wie gesagt: Mehr oder weniger… Wem das noch nicht ausreicht die hohe Qualität des Heftes zu beurteilen, dem sei die Seite 16 empfohlen. Dort heißt es über das Verlassen der Sowjetischen Besatzungszone seit Kriegsende: „Ein kurzer Marsch über einen Acker oder durch ein Waldstück, schon ist man drüben. Die relativ offene „Grüne Demarkationslinie“ zum Westen läßt sich leicht überqueren.“ Eine ältere gebürtige Breslauerin, die mir persönlich bekannt ist, schrieb über die „leichte Überquerung“: „Naiver geht es wirklich nicht mehr! Ich war 16jährig so eine "Illegale", die ca. 9 Stunden vor der Abholung zur Zwangsarbeit in das Bergwerk Aue eine Nacht lang durch Felder und Wiesen, Gebüsch und Sträucher gekrochen war, während die Vopos auf alles, was sich bewegte, geschossen haben. Die Schreie der getroffenen Menschen werde ich nie vergessen.“ Wie gesagt: diese Broschüre ist wahrlich ein STARKES Stück. Nicht der Landesgeschichte NRW, sondern vielmehr dank des verharmlosenden Tons und dank der ungehörigen Ignoranz gegenüber Tatsachen, die aus den angeführten Beispielen spricht.
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Dokumentation der Vertreibung der Deutschen;
weitere Artikel zu diesem Thema unter:
30.06.2009: Aussiedler-Lager Unna Massen schließt die Pforten
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